kurioses

ich, vor einer Birke stehend, mich schlapplachend

Lesezeichen: Entschuldigung abgenommen! | Irrungen und Wirrungen | Die Erdbeerstory | Hast'e mal 'ne Zeit? | Doppelte Sinne begreifen besser, oder wie? | Ich denk', ich hör' nicht richtig | Ungastliches Gaststättenpersonal | Unerwünschte Hilfe | Fehldiagnose oder: Die längsten 3 Minuten meines Lebens | Immer dieselbe Leier oder: Besorgniserregende Fürsorge | Freiheitsberaubung | Nur angucken, nicht anfassen!

Hier könnt ihr einige kuriose und teilweise schier unglaubliche Geschichten lesen, die ich selbst im Umgang mit nichtbehinderten Menschen erlebt habe. Ich schwöre, dass sich das alles genau so zugetragen hat. Zunächst möchte ich jedoch betonen, dass ich mit den Stories alle Menschen ohne Behinderung weder über einen Kamm scheren, noch vor den Kopf stoßen mag. Allenfalls versuche ich Denkanstöße zu geben, und mit ein wenig Humor auf typische Fehler im Umgang miteinander aufmerksam zu machen. Zu diesem Zweck kommentiere ich das Geschehene etwas, um euch meine Sicht der Dinge näher zu bringen. Eines wird dabei, glaube ich, sehr deutlich. Es herrschen heute noch viele Vorurteile, Unsicherheiten und Barrieren im Kopf.

Entschuldigung abgenommen!
Eine der bittersten Erfahrungen eines behinderten Menschen ist die, dass man ihm wichtige Dinge einfach abnimmt. Entscheidungen, zum Beispiel, werden zum Teil über seinen Kopf hinweg getroffen, weil er ja angeblich zu doof dafür ist, diese für sich selbst zu treffen.

Kurios wird es dann, wenn einem sogar Entschuldigungen abgenommen werden. Typische Situation im Einkaufscenter (kann aber überall in der Öffentlichkeit passieren): Hin und wieder geschieht es dort, dass ich jemanden aus Versehen anremple, wenn ich mit dem Rolli durch die Gänge fahre. Es ist nie sehr doll und tut auch meistens nicht weh. Aber trotzdem ärgere ich mich dann immer ein wenig über mich selbst, so für 2 Sekunden, und überlege, was ich sage. Plötzlich passiert es. Derjenige, der angefahren wurde, dreht sich um, sieht mich, bekommt einen mitleidigen Blick und sagt: "Oh, Entschuldigung!" Dann verschwindet er in der Menge. Ich bleibe dann leicht verwirrt und amüsiert zurück. Warum entschuldigen sich einige Leute, wenn ich sie anfahre? Habe ich da etwas falsch verstanden? Ich dachte immer, derjenige, der etwas "ausgefressen" hat, müsste sich entschuldigen. Ich wusste bisher gar nicht, dass es ein Verbrechen ist, mit mir zur selben Zeit im selben Raum zu sein.

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Irrungen und Wirrungen
Durch die Spastik ist auch die Fähigkeit deutlich zu sprechen zum Teil eingeschränkt. Ob ich mich akustisch verständlich ausdrücken kann, hängt von der Tagesform, meinem persönlichen Stresspegel und unzähligen weiteren Faktoren ab, die ich wahrscheinlich selbst noch nicht alle kenne. Und obwohl ich mich in der Regel recht gut verständigen kann, kommt es gelegentlich, besonders bei Leuten, die mich noch nicht lange kennen, zu den herrlichsten und haarsträubendsten, akustischen Verwechslungen. Dass diese schnell sehr peinlich werden können, zeigt die folgende Anekdote.

Während der ersten Zeit meiner Ausbildung in Potsdam wurde mir eine junge Frau als Arbeitsassistentin zur Seite gestellt. Sie sollte in der Schule für mich mitschreiben, mir beim Essen und Trinken helfen und auf Arbeit all die Dinge tun, zu denen ich körperlich nicht in der Lage war. Ich möchte ja wirklich niemandem zu nahe treten, deshalb genügt es wohl, wenn ich sage, dass sie überhaupt nicht mein Typ war. Und auch so hatten wir nicht viel gemeinsam. Weil ich damals jedoch dachte, dass wir noch einige Zeit zusammenarbeiten würden, wollte ich zumindest einen Schritt auf sie zugehen. So trat ich eines Tages während einer Schulpause an sie heran und stellte ihr ganz unbefangen folgende Frage: "Darf ich Sie duzen?" Da nahm das Unheil seinen Lauf. Sie starrte mich mit weit aufgerissenen Augen und verzerrtem Mund ungläubig an. Nur zögerlich kam ihre Antwort: "N nn nee!" Ich war zunächst verblüfft! Da ich solche akustischen Verwechslungen jedoch schon des Öfteren erlebt hatte, dämmerte es mir schon. Und so schoss mir spontan folgende Frage zunächst in den Kopf, dann aus dem Mund: "Was haben Sie denn verstanden?" Wieder entgleiste das Gesicht der Assistentin. Wieder presste sie die Worte zögernd heraus: "Ob du mich knutschen kannst?!" Der Schock fuhr mir in die Glieder. Damit hatte ich so gar nicht gerechnet. Schnell klärte ich das Missverständnis auf. Erleichterung machte sich breit. Fortan duzten wir uns natürlich und alles war wieder gut. Und obwohl ich heute darüber lachen kann, muss ich doch daran denken, wie peinlich das für uns beide geworden wäre, wenn ich nicht noch mal nachgefragt hätte.

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Die Erdbeerstory
Eigentlich bin ich ja eher schlagfertig. Es gibt jedoch Situationen, die so unerwartet kommen und so unglaublich sind, dass sie mir schier die Sprache verschlagen.

Es geschah an einem warmen Sommersonntag. Ich saß in meiner Wohnung und bekam plötzlich Appetit auf Erdbeeren. Also zogen meine damalige Assistentin und ich los, um welche käuflich zu erwerben. Ich wusste, dass der nächste kleine Stand in Form einer Erdbeere, der offen hatte, im Ostbahnhof war, der nicht weit von meiner Wohnung entfernt ist. Also schlenderten wir bei schönem Wetter dort hin. Am Bahnhof angekommen, gingen wir geradewegs auf die übergroße Beere zu und bestellten eine Schale mit diesen leckeren Früchten. Alles lief super. Die nett aussehende Verkäuferin mittleren Alters packte die Schale ein, tippte den Preis in die Kasse und nannte ihn uns. Doch dann, als wir schon am Bezahlen waren, geschah etwas Unerwartetes. Die Erdbeerenfachverkäuferin mutierte. Ihr Blick änderte sich in eine Mischung aus Mittleid und frühkindlicher Naivität. Im gleichen Atemzug deutete sie auf mich, sprach aber mit meiner Assistentin und fragte sie: "Darf ich ihm eine Erdbeere schenken?" Wir waren sprachlos. Die Situation war zu absurd. Ich kaufte gerade eine ganze Schale und sie fragt meine Assistentin, ob sie mir eine Beere schenken dürfe. Vor allem war es so, als wenn man eine Mutter fragen würde, ob man ihrem dreijährigen Kind einen Lolli schenken dürfe. Ich wusste aus früheren Erfahrungen mit solchen Situationen, dass es nichts bringen würde, wenn ich darauf etwas erwidere. Durch die Aufregung, die ich verständlicherweise in diesen Momenten verspüre, spreche ich noch etwas undeutlicher, als gewöhnlich. Leute, die ein solch verklärtes Bild eines Rollstuhlfahrers im Kopf haben, hören auch nicht zu. Wenn ich dann etwas sage, was sie ja gar nicht hören wollen, ändert es nichts. Im Gegenteil! Es verstärkt deren Vorurteil nur noch, nach dem Motto: "Ach der arme Behinderte kann ja noch nicht mal richtig sprechen. Viellicht sollte ich ihm noch ein Lolli schenken." Also haben wir die Erdbeere angenommen und schleunigst zugesehen, dass wir da wegkamen. Auf dem Rückweg haben wir uns so überlegt, wie man auf so etwas angemessen reagieren sollte und wann man dann bei guter Führung wieder draußen wäre.

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Hast'e mal 'ne Zeit?
Zu den frustrierendsten aber auch kuriosesten Erfahrungen, die ich immer wieder machen muss, wenn ich mit dem Rolli unterwegs bin, gehört die, dass ich von manchen Menschen auf der Straße schlichtweg ignoriert werde. Selbst wenn ich mich diesen Leuten auf dem Bürgersteig in den Weg stelle und freundlich sage: "Entschuldigung! Können Sie mir mal helfen?", geschieht nichts. Diese Leute bemühen sich regelrecht, mich nicht anzusehen und gehen unaufhaltsam ihres Weges. Dass es aber immer noch ein bissl kurioser geht, zeigt die folgende Geschichte.

Ein paar Straßen von meiner Wohnung entfernt gibt es einen kleinen Spielzeugladen, in dem winzige Figuren angeboten werden, die eine Freundin von mir sammelt. Eines Tages, als ich ein Geschenk für sie brauchte, fuhr ich mittags kurzerhand mit dem Rollstuhl zum Laden. Dort angekommen, merkte ich jedoch, dass er geschlossen hatte. An der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift: "Mittagspause bis 14:30!" Ich hatte keine Uhr dabei, schätzte aber, dass die Pause noch ungefähr 45 Minuten dauern würde. Ich überlegte kurz, wieder nach hause zu fahren, entschied mich dann aber, vor dem Laden zu warten. Ich beobachte die Leute, die an mir vorbeigingen. Es war ein warmer, sonniger Tag und ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. Nach einer ganzen Weile wurde ich dann doch etwas ungeduldig. Ich wollte einfach wissen, wie spät es ist und begann, einige Passanten danach zu fragen. Die ersten zwei, drei Leute waren wie gewohnt ignorant und würdigten mich keines Blickes. Über ein solch absurdes Verhalten kann ich mittlerweile nur noch lächeln. Was geht in den Köpfen solcher Leute vor? Verwechseln die mich etwa mit Medusa aus der griechischen Mythologie, bei deren Anblick man zu Stein erstarrte? Wie dem auch sei, ich gab nicht auf, und sprach wenig später wieder eine vorbeigehende Frau mit den Worten an: "Entschuldigung! Können Sie mir sagen, wie spät es ist?" Diese Frau, die immerhin kurz stehen blieb, erwiderte doch allen Ernstes: "Tut mir leid, ich habe kein Geld!", bevor sie fluchtartig verschwand. Da musste ich einmal laut lachen. "Was ist denn mit ihr los?", dachte ich, "Ich wusste gar nicht, dass es Geld kostet, auf die Uhr zu sehen! Oder war ich möglicherweise Zeuge bei der Geburt eines neuen Vorurteils? Der im Rollstuhl am Straßenrand sitzende, bettelnde Behinderte."
Doch damit war die Odyssee noch nicht vorbei. Einige Minuten später sah ich nicht weit von mir einen jungen Mann, der etwas an seinem Motorrad reparierte. Zielstrebig ging ich auf ihn zu und stellte ihm dieselbe Frage, wie zuvor der Frau. Er hörte sofort mit der Reparatur auf, sah mich freundlich an und meinte dann wörtlich: "Sorry, ich bin nicht Muttersprache." Das gute war aber, dass er nicht gleich aufgab. Er nahm sich die Zeit und bemühte sich, mich zu verstehen. Dafür war ich ihm sehr dankbar. Und nach ein, zwei Wiederholungen der Frage verstand er, was ich wollte, und sagte mir, wie spät es war. Es stellte sich heraus, dass die Verkäuferin des Spielzeugladens schon eine Viertelstunde Verspätung hatte. Ein wenig später kam sie dann und ich konnte endlich ein paar Figuren kaufen. Zufrieden und um einige interessante Erfahrungen reicher, machte ich mich mit einem breiten Grinsen auf den Heimweg.

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Doppelte Sinne begreifen besser, oder wie?
Manchmal frage ich mich wirklich, was wohl in den Köpfen einiger Leute vorgeht, wenn sie mich sehen. Ich glaube ja, dass der Verstand bei vielen komplett ausfällt und sie nur noch instinktiv und sehr irrational handeln. Über die Ursachen kann ich nur spekulieren. Ich denke aber, dass die Berührungsängste, die schnell in aller Munde sind, wenn es um dieses Thema geht, als Erklärung nicht ausreichen. Ich meine ja, dass eine tief im Menschen verwurzelte Angst vor allem Fremden und vor dem, was man nicht versteht, für so manch rätselhafte Verhaltensweisen verantwortlich ist. Um solch ein merkwürdiges Verhalten geht es in dieser Geschichte.

Es geschah, als ich mich mal mit einer Freundin in deren Wohnung verabredete. Es war das erste Mal, dass wir uns bei ihr trafen. Da sie auch in Friedrichshain wohnte, beschloss ich, per Rolli "hinzulaufen". Ich wusste nicht, wie lange ich brauchen würde, deswegen plante ich etwas mehr Zeit ein. Auf dem Weg dorthin verlief alles glatt, sodass ich befürchtete, viel zu früh dran zu sein. Und weil ich eine gute Kinderstube hatte, entschied ich mich, lieber noch mal jemandem nach der Uhr zu fragen. Kurz bevor ich in die Straße abbiegen musste, in der ein paar Meter weiter meine Freundin wohnte, kam ich an einer Eckkneipe vorbei, deren Tür weit offen stand. Leider waren davor zwei große Stufen, sodass ich nicht reinfahren konnte. Also stellte ich mich vor die Tür, beobachtete einen jungen Mann, der dort saubermachte und rief dann: "Entschuldigung!" Der Mann unterbrach sofort das Fegen des Fußbodens und kam zu mir. Soweit, so gut. Doch als ich ihm fragte, wie spät es denn sei, ereignete sich seltsames. Fast fluchtartig verschwand er im hinteren Teil der Kneipe, wo ich ihn nicht mehr sehen konnte, und kam so schnell nicht wieder. Ab und zu sah ich ihn kurz mal hinten rumwuseln und überlegte, was er denn da treiben würde. Nach gefühlten zwei, drei Minuten kam er zu mir. Er nannte mir die Uhrzeit, 15:45 Uhr, und hielt mir zeitgleich einen Zettel hin, auf dem genau dieselbe Zeit geschrieben stand. Verwirrt bedankte ich mich und fuhr weiter. Warum dieser Mann dachte, er müsse bei mir zwei Sinne, nämlich den Hör- und den Sehsinn, gleichzeitig ansprechen, wird mir wohl für immer ein Rätsel bleiben.

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Ich denk', ich hör' nicht richtig
Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, macht es jedes Mal, wenn ich in Situationen bin, in denen Konversation gefragt ist, einen gewaltigen Unterschied, ob ich in Begleitung bin, oder allein. Am weitesten verbreitet ist dieses Phänomen meiner Erfahrung nach bei Ämtern, in Gaststätten und bei Ärzten. Aber auch der gemeine Mensch auf der Straße, der etwas über mich wissen will, spricht fast immer nur mit meinen Begleitern in meinem Beisein über mich. Dabei kann ich gerade medizinische oder amtstechnische Fragen zu meiner Person viel genauer beantworten, als Freunde oder Assistenten. Aber so ist der Mensch. Wie alles in der Natur geht auch er, von Ausnahmen wie gesagt abgesehen, immer den Weg des geringsten Widerstandes. Anscheinend ist es für viele Leute einfacher, mit Personen ohne Behinderung zu reden. Das macht es aber nicht richtiger.

Ich bin etwas schwerhörig und trage deshalb zwei kleine Hörgeräte. Wie alle technischen Geräte gehen auch diese hin und wieder kaputt – leider viel zu oft, wie ich finde. Sie sind halt nicht für Spastiker gebaut. Und um sie dann wieder reparieren zu lassen, muss ich zu meinem Hörgeräteakustiker. Der schickt den defekten Ohrverstärker zur Herstellerfirma, die mit einem Kostenvoranschlag antwortet. Danach ruft jemand aus dem Laden des Akustikers bei mir an, und fragt, ob ich die Kosten bezahlen möchte. Sobald ich zustimme, beginnt die Firma mit der Reparatur und schickt das Gerät anschließend zum Laden, wo ich es dann wieder abholen kann.
Als es im Sommer 2009 mal wieder soweit war, fuhr ich also mit einer meiner Assistentinnen zum Akustikerladen, um die inzwischen vertraute Prozedur einzuleiten. Dort angekommen gingen wir zu der mir unbekannten Mitarbeiterin im Empfangsbereich und gaben ihr das kaputte Hörgerät. Diese nahm es an sich und verschwand damit. Einige Zeit später, wir hatten uns inzwischen hingesetzt, kam sie zurück und sagte zu meiner Assistentin, dass das Gerät wirklich defekt sei und eingeschickt werden müsse. Ferner meinte sie, ebenfalls zu meiner Assistentin, dass sie mal bitte nach vorne kommen solle, da es noch ein paar Dinge zu klären gäbe. Als ich dann, für mich ganz selbstverständlich, mit nach vorne kommen wollte, sprach sie abermals nur mit meinen Begleiterin, ohne mich eines Blickes zu würdigen, und sagte: "Nee, ich will mit Ihnen nur etwas besprechen. Er kann hier sitzen bleiben." Spontan schossen mir drei Gedanken durch den Kopf: "Moment mal! Mein Gerät! Meine Verantwortung! Und vor allem, mein Geld!" Doch bevor ich etwas dazu sagen konnte, erwiderte meine Assistentin, die ein solches Verhalten noch weniger dulden kann, als ich: "Warum?´Es geht doch um seine Ohren!" "Ja genau!", dachte ich, "So muss man darauf reagieren!" Die Angestellte des Laden schaute überrascht und etwas peinlich berührt drein, sagte aber nichts, sondern ging stillschweigend zu ihrem Schreibtisch. Ich folgte ihr demonstrativ und von da an war alles gut. Sie sprach jetzt ausschließlich mit mir, erklärte mir alles und stellte mir die Fragen, die immer gestellt werden, wenn ich ein Hörgerät zur Reparatur einschicken lasse. Nach drei Minuten war alles erledigt und wir konnten wieder nach Hause fahren.

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Ungastliches Gaststättenpersonal
Wenn ich Freunden oder interessierten Fremden von meinen hier aufgeführten Erfahrungen erzähle, herrscht oft ungläubiges Kopfschütteln, ratloses Schweigen und blankes Entsetzen unter den Zuhörern. Ich dagegen bin ja schon so einiges gewohnt und kann viele Dinge mit Humor nehmen. Humor ist eine tolle Sache. Er erspart einem viele graue Haare und schont die Nerven. Das hat Erich Kästner schon erkannt, als er sagte: "Humor ist der Regenschirm der Weisen." Es gibt aber Situationen, in denen selbst mir schlicht der Appetit vergeht. Eigentlich verabscheue ich Verallgemeinerungen. In diesem Falle aber, muss ich mich selbst sehr zusammennehmen, um keine vermeintliche Allgemeingültigkeit für die folgenden Ereignisse zu formulieren. Sicher hat noch kein Mensch je das Kunststück zustande gebracht, in sämtliche Gaststätten der Welt einzukehren. Jedoch kann ich sicher mit Recht behaupten, dass ich schon in recht vielen Gaststätten in Deutschland und anderen Ländern diniert habe.
Zurückblickend stelle ich fest, dass sich folgende Vorkommnisse so oder etwas variiert bei schätzungsweise 90 Prozent aller Gastronomiebesuche ereignet haben. Tendenz in den letzten Jahren zum Glück fallend.

Folgendes Szenario: Ich betrete mit meiner Familie ein Restaurant. Die uns aufs freundlichste begrüßende Bedienung führt uns zu einem Tisch und wir setzen uns in freudiger Erwartung auf ein kulinarisches Abenteuer.
Mein Magen kündigt mir und allen in meiner Umgebung mit einem lauten Knurren an, dass er begierig darauf wartet, seine ihm von der Natur zugedachte Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen.
Da ich die anderen Male, in denen mir Ähnliches passierte, wieder verdrängt habe, ahne ich nicht, dass ich gleich Zeuge eines gesellschaftlichen Phänomens werde, dass um vieles abenteuerlicher ist, als jedes kulinarische. Wenige Minuten nachdem wir unsere Allerwertesten auf mehr oder minder bequemen Sitzmöglichkeiten platziert haben, kommt die Bedienung wieder und bringt jedem von uns eine Speisekarte. Jedem, außer mir! Und das liegt nur in den aller seltensten Fällen daran, dass nicht mehr genug Karten für jeden Gast vorhanden sind. Auf den Tresen liegt meistens noch ein Stapel. ich frage mich dann immer: "Warum? Warum, bekomme ich als einziger keine Karte? Wollen die nicht, dass ich hier etwas bestelle?" Im Kopf male ich mir dann immer aus, dass ich einfach wortlos aufstehe, die Lokalität demonstrativ verlasse und mir ein neues Restaurant suche. Meine Eltern, die ja sonst sehr cool auf solche Situationen reagieren, empfanden das früher als nicht so schlimm und meinten, ich könne ja in ihre Karten gucken. Für mich allerdings war ein solches Verhalten, gerade im Alter zwischen 15 und 25, zutiefst beleidigend. Es ist doch auch geradezu absurd, von vornherein anzunehmen, dass jeder Behinderte nicht lesen kann. Oder liegt es an mir? Trage ich ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Analphabet", wenn ich etwas essen gehe? Nein, sicher nicht! Inzwischen haben es meine Eltern auch verstanden und verlangen noch eine Speisekarte für mich.
Doch die Peinlichkeiten gingen häufig noch weiter. Und damit meine ich jetzt gar nicht, dass mir, wenn ich ein Eis mit Kirsch- oder Eierlikör bestellte, der Alkohol hin und wieder ohne zu fragen vorenthalten wurde. Das hat mich zwar auch immer etwas geärgert, war aber letzten Endes nicht weiter wild. Noch viel gravierender und beleidigender war der Umstand, dass ich noch mit 18, 20 Jahren einige Male – und davor natürlich noch viel öfter – am Ende anstelle eines leckere Aperitifs, blöde Bonbons oder Lollis bekommen habe. Hallo! So etwas schenkt man normalerweise Kleinkindern von Drei, Vier Jahren. Ich meine, es ist ja meistens ganz schmeichelhaft, jünger geschätzt zu werden, als man ist, aber das geht entschieden zu weit.
Und heute? Nun zumindest die Bonbons und Lollis bleiben glücklicherweise schon seit ein paar Jahren aus. Die Speisekarten und der Alkohol leider auch. Immer noch viel zu oft! Vielleicht sollte ich mal ein T-Shirt mit folgender Aufschrift bedrucken lassen: "Kann schon lesen, kann schon schreiben, doch ohne Karte gar nicht speisen!"

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Unerwünschte Hilfe
Ich benötige bei fast allen Tätigkeiten des täglichen Lebens mal mehr mal weniger Unterstützung. Das ist für mich so normal, dass ich nicht zögere, um Hilfe zu bitten, wenn es erforderlich ist. Äußerst bizarr wird es aber, wenn völlig fremde Leute auf einmal zu wissen glauben, wie sie mir helfen können und das auch beherzt und vor allem ungefragt tun. Das kann ziemlich kurios sein, aber auch tierisch nervig und anstrengend. Hier sind 2 solcher Situationen, die ich schon des öfteren erlebt habe:

1. Situation: Um fotografieren zu können, muss ich die Kamera vor mir auf den Boden stellen und sie dann mit den Füßen bedienen. Wenn ich das in der Öffentlichkeit tue, lassen die ersten Passanten nicht lange auf sich warten, die dann fragen, ob alles in Ordnung sei. Es ist nervig, wenn man der x-ten Person erklären muss, dass alles okay ist und dass man nur in Ruhe fotografieren möchte. Angesichts des ungewöhnlichen Anblicks, der sich ihnen bietet, verstehe ich jedoch ihre Reaktionen. Es kommt schließlich nicht so oft vor, dass man jemanden mit den Füßen fotografieren sieht. Absolut unverständlich finde ich es aber, wenn Leute plötzlich daherkommen, sich bücken und ungefragt nach der Kamera greifen. Was soll das? Wenn ich denen böse Absichten unterstellen wollte, würde ich denken, dass sie vorhaben, mir die Kamera zu klauen. Ich halte dann immer demonstrativ meinen Fuß auf der Kamera und sage ihnen freundlich aber bestimmt, dass sie sich verziehen sollen.
2. Situation: Das Folgende ereignet sich zum Glück noch nicht so häufig, aber doch hin und wieder mal, wenn ich mit dem Rollstuhl unterwegs war. Ich fahre gemütlich und an nichts Böses denkend den Bürgersteig entlang. Auf einmal merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Mein Rolli bewegt sich plötzlich nicht mehr so, wie er soll. "Was ist nu kaputt?" Ein kurzer Blick nach hinten offenbart den Grund. Eine völlig fremde Person schiebt mich aus heiterem Himmel und ohne ein Wort zu sagen. Wenn mir so etwas passiert, blockiere ich sofort den Rolli. Es ist mir in dem Moment egal, ob der Schieber sich die Beine bricht, oder auf die Fresse fliegt. Ich bin ja eigentlich ein friedliebender und verständnisvoller Mensch, aber da hört nun wirklich alles auf. Für ein solches Verhalten gibt es meines Erachtens keine plausible Erklärung, geschweige denn eine Rechtfertigung. Diese Person weiß doch noch nicht einmal wo ich eigentlich hinwill. Stellt euch mal vor, jemand würde das mit einem nichtbehinderten Menschen machten. Man würde einfach stillschweigend von hinten ankommen, ihm am Arm packen und wortlos hinter sich her zerren. Man würde doch bestenfalls ein paar unschöne Ausdrücke lautstark um die Ohren geknallt bekommen. Im schlimmsten Fall bekäme man einen Tritt in die Weichteile und eine Anzeige wegen versuchter Entführung oder gar wegen sexueller Belästigung. Jetzt mal ehrlich! Niemand würde doch auf eine solch schwachsinnige Idee kommen.

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Fehldiagnose oder: Die längsten 3 Minuten meines Lebens
Die Überschrift der folgenden Geschichte könnte auch wieder "Unerwünschte Hilfe" lauten. Diese Begebenheit ist jedoch fast comedy reif und hat sich somit einen eigenen Platz in meiner Sammlung verdient.

2008 reiste ich mit einer Assistentin nach Norwegen. Wir flogen nach Bergen und fuhren von dort mit einem Schiff der Hurtigrouten die Küste entlang bis zu den Lofoten. Eines Tages saß ich bei herrlichem Sommerwetter an Deck seitlich vom Schiff und beobachtete einige Möwen, die uns folgten. Mit einmal kam ich auf die Idee, die Möwen zu fotografieren. Aus diesem Grund ging ich zu einer Plattform am hinteren Teil des Schiffes und setzte mich dort, zugegebenermaßen etwas unsanft aber gewollt, auf den Boden und stellte meine Kamera vor mich. Soweit, so gut.
Als ich gerade dabei war, die Kamera betriebsbereit zu machen, bemerkte ich, dass sich jemand von hinten näherte. Es war ein Mann, der mich kurz darauf fragte, ob er mir helfen könne. "Nein.", erwiderte ich, "Alles okay." Doch der Unbekannte lies nicht locker, hockte sich neben mich und meinte, dass es in Ordnung sei. Er wolle mir gerne helfen. Spontan kündigte er an, dass er die Kamera mal vom Boden aufheben werde und versuchte es dann auch. Lustig finde ich bei solchen Aktionen immer, dass zwischen Ankündigung und Ausführung höchstens ein paar Millisekunden liegen, sodass ich keine Möglichkeit habe, mich dazu zu äußern. Ich hielt sofort die Kamera mit meinen Füßen fest und sagt noch einmal dass alles okay sei, dass ich hier sitzen und fotografieren wolle. Daraufhin ging der Mann weg und ich dachte: "Na prima. Er hat*s kapiert."
Weit gefehlt! Nach nicht mal 2 Minuten hockte er sich wieder neben mich und versuchte offenbar, mich zu beruhigen, indem er allen ernstes zu mir sagte: "Ich weiß, was du da hast. Das ist 'ne Spastik." Erkennt ihr die Absurdität der Situation? Jemand erklärt einem erwachsenen Spastiker, dass er Spastiken habe. Ich grinste ihn an und spontan schoss es aus meinem Munde: "Ja, ich weiß! Ich bin Spastiker." Das konnte oder wollte er aber leider nicht verstehen und so fuhr er unbeeindruckt fort: "Das ist aber nicht so schlimm. Das geht nach 3 Minuten wieder weg." Das war der Moment, an dem ich kurz loslachte und begriff, dass nichts bringen würde, ihm mit vernünftigen Argumenten zum Abziehen zu bewegen. Ich sage ihm noch einmal in aller Deutlichkeit, dass ich keine Hilfe benötigen würde und dass ich einfach nur hier sitzen und fotografieren wolle. Dann zog er friedlich von dannen.
Das war eine der Gegebenheiten, nach der man noch lange da sitzt und denkt: "Was war denn das nun für ne Aktion?" Wollte er mich trösten und mir Mut machen, seine Hilfe endlich anzunehmen? Wahrscheinlich hat er all sein nichtvorhandenes Fachwissen zusammengenommen und Spastik mit Epilepsie verwechselt. Spastiken gehen nicht einfach nach einer Weile wieder weg. Sie können sich höchstens in bestimmten Situationen – besonders in Stresssituationen – zeitweise verstärken. Wenn das stimmen würde mit den drei Minuten, dann wären das die längsten drei Minuten meines Lebens – bis dato 28 Jahre lange drei Minuten.

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Immer dieselbe Leier oder: Besorgniserregende Fürsorge
Es ist ja mal ganz nett, gefragt zu werden, ob man Hilfe benötigt. Aber nach der x-ten Wiederholung nervt die Frage irgendwann nur noch, egal wie gut sie gemeint ist. Und ich weiß dann immer nicht so recht, wie ich darauf reagieren soll. Aber am besten fange ich mal vorne an.



Im Herbst 2010 lernte ich eine nette, junge Frau namens Claudy kennen und daraus entwickelte sich ziemlich schnell eine Freundschaft, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Schließlich passiert es mir nicht so oft, dass ich neue Leute kennenlerne, und schon gar nicht welche, die so "natürlich" mit mir umgehen. Eines Abends nahm sie mich mit in den Wedding und zeigte mir eine wunderbare Bar namens Mastul, in der sie öfter arbeitete. Dort saßen wir mit ein paar Freunden von ihr in einer gemütlichen Runde zusammen und es versprach, ein schöner Abend zu werden. Als dieser schon etwas fortgeschritten war, kam einer auf die Idee, noch auf eine andere Party irgendwo in Kreuzberg zu gehen und wir anderen beschlossen kurzerhand mitzukommen. Auf dem Weg dorthin verschwand Claudy, die einzige Person aus der Gruppe, die mich näher kannte, was zu einer sehr sonderbaren Situation führte. Für mich war es nicht weiter schlimm. Ich wusste, dass sie nachkommen würde und fühlte mich bei den anderen wohl. Jedoch bemerkte ich, dass einer ihrer Freunde sich mit mir allein gelassen und für mich verantwortlich fühlte. Er wich nicht von meiner Seite und fragte mich alle paar Meter, ob denn alles in Ordnung sei und ob er mir helfen könne. Dies bejahte bzw. verneinte ich stets höflich, obwohl es mich gegen Ende des Weges schon zu nerven begann. Auf der Party, die in einer Privatwohnung stattfand, ging das Schauspiel dann weiter. Wieder hielt er sich immer in meiner Nähe auf und es entstand folgender Dialog: "Is alles ok?" "Ja." "Willst du was trinken?" "Nein danke." "Willste 'n Bier?" "Nee, ich trink' kein Bier." ... Fūnf Minuten später: "Is alles ok?" "Ja." "Willste 'n Bier?" "Nee, ich trink' immer noch kein Bier." Nach der dritten Wiederholung dieses soapreifen Gesprächs reichte es mir und ich gab ihm zu verstehen, dass er nicht für mich verantwortlich sei und ich im Moment gar nichts wolle, sondern nur in Ruhe hier sitzen und die Party genießen möchte. Danach ließ er von mir ab. Irgendwann traf ich dann Claudy in mitten der feiernden Menge wieder und wir lernten den Mitbewohner des Gastgebers kennen. Wir führten ein wenig Smalltalk und er schien sehr nett zu sein. Doch im Laufe der Nacht und mit stetigem Alkoholkonsum seinerseits wandelte er sich und damit auch mein Bild von ihm. Auch er schien mich zu verfolgen und wann immer wir uns über den Weg liefen, fühlte ich mich mit einem Déjà-vù konfrontiert. Jedes Mal entbrannte derselbe schöne Dialog von Neuem. Ihr wisst schon! "Is alles ok?" "Ja." "Willste 'n Bier?" "Nee, ich trink' immer noch kein Bier." Als es mir mal wieder reichte, bat ich ihn, mir aus der Wohnung hinaus ins Treppenhaus zu folgen. Nicht weil ich ihn vermöbeln wollte, nein, sondern weil es dort leiser und deshalb die Chance auf eine fehlerfreie Verständigung größer war. Draußen angekommen, machte ich ihm eindringlich klar, dass ich nichts von ihm wolle, sondern einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte. Bedauerlicherweise habe ich ihn nicht explizit darauf hingewiesen, dass dies nur für seine Person galt, was sich als verhängnisvoller Fehler herausstellte. Denn als wir die Wohnung wieder betraten, kam Claudy mit einer Freundin auf mich zu, um mich etwas zu fragen. Sie kamen nur nicht weit. Wie ein wild gewordenes Huhn sprang er dazwischen, zog die beiden Mädels ruckartig von mir weg und meinte zu ihnen: "Nee, er will nur seine Ruhe haben!" "So war das aber nicht gemeint." schoss es mir durch den Kopf. Für Diplomatie war es eindeutig zu spät. Leicht verärgert stand ich aus meinem Rollstuhl auf, was immer ein sehr eindrucksvoller Effekt ist, ging ein paar Schritte auf ihn zu, packte seinen Arm, zog ihn zu mir heran und blaffte ihm ins Ohr: "Man, jetzt hau endlich ab!" Beleidigt zog er eine Flappe und verschwand schleunigst in den Untiefen der Party. Von da an habe ich ihn nicht mehr wieder gesehen. Das zeigt mal wieder eindrucksvoll was Alkohol so anrichten kann.

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Freiheitsberaubung
Die folgende Begebenheit ist wieder ein Paradebeispiel für Unsicherheiten und Berührungsängste im Umgang mit behinderten Menschen. Obwohl, Berührungsangst kann man das eigentlich gar nicht nennen, wenn man das Wort mal für einen Moment wörtlich nimmt. Dafür war die Berührung viel zu intensiv, wie wir noch sehen werden. Jedoch zeigt sich hier mal wieder eindrucksvoll, dass behinderten Menschen oftmals jegliche Form von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung von vornherein aberkannt wird. 



Eine Freundin namens Julia und ich wollten eines Nachts vom Herzberg-Festival mit der Bahn zurück nach Hause fahren. Die einzige Verbindung führte zu dieser Zeit von Bad Hersfeld über Hannover nach Berlin. Als wir mitten in der Nacht in Bad Hersfeld voll bepackt mit unserem Gepäck und noch ein paar Sachen von Freunden, die später fahren wollten, zustiegen, war der Zug völlig überfüllt. Uns blieb nichts anderes übrig, als das viele Gepäck irgendwo im Gang zu verstauen und uns auf den Boden zu setzen bzw. zu legen. Nach ca. 15 Minuten kam einer vom Zugpersonal, meinte nur kurz und knapp: "Komm'se mal mit!", schnappte sich meinen zusammengeklappten Rollstuhl und stolzierte los Richtung vorderen Wagon. Wir schnappten uns unsere beiden Rucksäcke, ließen den Rest der Sachen aber zurück und versuchten, dem Mitarbeiter der Bahn zu folgen. Für mich stellte dies eine ziemliche Herausforderung dar, weil wir auf sehr wackligem Boden liefen und die Gänge sehr eng waren. Mein Vorwärtswanken trug bei einigen Fahrgästen zu Erheiterung bei. Wahrscheinlich nahmen sie an, ich hätte zu tief ins Glas geschaut. Nach einigen Minuten wanken kamen wir ins Erste-Klasse-Abteil, wo uns unser wortkarger Freund zwei Sitzplätze anbot. Diese nahmen wir dankbar an, ließen uns nieder und schliefen erstmal 'ne Runde. Als wir uns dem Bahnhof näherten, an dem wir den Zug verlassen mussten, überlegte Julia, wie wir das mit dem Aussteigen bewerkstelligen sollten. Schließlich lag fast unser gesamtes Gepäck noch am anderen Ende des Zuges. Sie kam auf die Idee, das Bahnpersonal zu fragen, ob es meinem Rolli und mir beim Aussteigen behilflich sein könnte, während sie nach hinten gehen und unser Zeug holen würde. Anschließend wollten wir uns dann wieder treffen und den weiteren Weg beschreiten. Ich hielt das für einen guten Plan und stimmte zu. Gesagt, getan. Julia sprach mit den besagten Leuten und machte sich auf dem Weg nach hinten. Kurz darauf gesellten sich zwei Zugbegleiter - ein Mann und eine Frau - zu mir und begleiteten mich in Richtung Ausgang. Der Ausstieg ging vorbildlich vonstatten und ich setzte mich in mein wieder auseinandergeklapptes Gefährt. Der Typ hängte meinen Rucksack total schief an den Rolli und ging weg, um das zu tun, was Bahntypen auf Gleisen halt so machen. Die Frau blieb aber bei mir. Ich entschied mich, den Rucksack selbst zurechtzurücken, da es schon 3:30 Uhr in der Frühe war und ich Julia keine Umstände machen wollte. Dazu musste ich jedoch aufstehen, was ich besser nicht getan hätte. Denn nun ereignete sich Seltsames. Die Zugbegleitungsfachangestellte fing an zu zittern. Angsterfüllt rief sie: "Nee, du darfst nicht aufstehen. Setzt dich mal wieder hin!" Da ich mir keiner Schuld bewusst war, tat ich den ersten Schritt. Sie sah verstört nach hinten zu ihrem Kollegen. In ihrem Gesicht sah man die pure Verzweiflung. Sie hielt meinen Arm fest umklammert. "Oh Gott! Was mach' ich denn jetzt? Was mach' ich denn jetzt?", stotterte sie in Richtung ihres Kollegen. Und zu mir sagte sie immer wieder: "Bleib hier! Bleib hier! Warte doch! Sie kommt doch gleich." Ich ließ mich davon nicht beirren. So ruhig, wie es mit einer hysterischen Frau am Arm überhaupt ging, lief ich um den Rolli herum, rückte den Rucksack in die Mitte und setzte mich wieder hin. Und während ich all das tat, ließ sie meinen Arm nicht los. So etwas hatte ich zuvor auch noch nicht erlebt. Ich kam mir vor, wie in einer schlechten Komödie, in der ein kleiner wildgewordener Hund sich im Hosenbein seines Herrchens verbeißt und dieser dann mit dem Hund am Bein durchs Bild stolpert. Als sie mich noch immer festhielt, nachdem ich mich schon wieder in den Rollstuhl gesetzt hatte, langte es mir endgültig. Aus meiner Erfahrung im Kempo, einer Kampfkunst, die ich drei Jahre lang trainiert habe, wusste ich, wie man sich aus einem solchen Griff herauswindet. Ruckartig zog ich meinen Arm zurück und drehte ihn gekonnt in Richtung der schwächsten Stelle ihrer Umklammerung. Endlich war ich wieder frei. Direkt danach erhob ich meine Stimme und sagte: "Ja doch, ich warte ja! Is' doch alles gut!" Verdutzt blieb sie stehen und sagte nichts mehr. Als ich Julia kommen sah und bemerkte, dass sich der Fahrstuhl genau zwischen uns befand, kam ich ihr entgegen und ließ die Bahntante im Regen stehen. Im Fahrstuhl erzählte mir Julia ihre Version der Geschichte. Als sie mit unserem ganzen Gepäck ausgestiegen war, kam der Zugbegleiter, der mir geholfen hatte, hastig auf sie zugestürmt und meinte aufgebracht: "Kommen Sie schnell! Ihr Behinderter will abhauen." Meine Güte! Was für ein Schauspiel und was für ein Theater!

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Nur angucken, nicht anfassen!
An dieser Stelle sei einmal erwähnt, dass ich manche Menschen und deren Verhaltensweisen mir gegenüber mit etwas Abstand und ein wenig Menschenkenntnis wenigstens ansatzweise verstehen kann, wenn auch mit einigem Amüsement. Darunter fallen zum Beispiel jene, die sich bei mir entschuldigen, wenn ich sie anremple, oder diejenigen, die meine Kamera aufheben wollen, wenn ich gerade fotografieren möchte. Mit einigem Zähneknirschen kann ich sogar nachvollziehen, weshalb manche Leute lieber mit meinen Begleitern über mich sprechen, als mit mir. Dann gibt es aber noch jenes Verhalten, bei dem mir selbst die wohlwollendste Betrachtung keine Erklärung bringt. Darunter fällt beispielsweise das Wegbleiben der Speisekarte im Restaurant, oder das plötzliche schieben meines Rollis von einer fremden Person, die gar nicht weiß, wo ich hin will. Und hier ist auch wieder so eine Sache die mich schier am Verstand derjenigen zweifeln lässt, die sich so verhalten.

In dieser Geschichte möchte ich mal auf eine absolute Unart aufmerksam machen, die mir hin und wieder passiert, und zwar in aller Öffentlichkeit und meistens ohne Vorwarnung. Es geht um Berührungsängste, die ich ja auch schon mal an anderer Stelle erwähnt habe. Zu viel davon ist sicher nicht gut, aber zu wenig davon im wörtlichen Sinne ist auch nicht besser. Präziser ausgedrückt geht es um das Angefasst-, Betatscht-, Berührt- und Gestreicheltwerden. Die folgende Situation ereignet sich am häufigsten in U- und S-Bahnen: Ich sitze da so völlig nichtsahnend, träume vor mich hin, und plötzlich tätschelt mir jemand übers Haar oder streichelt mich an der Schulter. Ihr glaubt gar nicht, wie oft es mir schon so ergangen ist, und das vollkommen unverhofft, ungewollt und vor allem mit völlig fremden Leuten, die ich noch nie vorher gesehen habe. Dafür gibt es scheinbar keinerlei Erklärung. Warum tut jemand so etwas? Aus Mitleid? Ich leide doch überhaupt nicht. Folglich brauche ich auch niemanden, der mit mir mitleidet. Ich weiß nicht, ob ihr es wisst: Im Mittelalter gab es höchst interessante Strafen. Zum Beispiel wurde jemanden, der etwas gestohlen hatte, eine Hand abgehackt. Ja, die waren sehr pragmatisch damals, und wussten noch, wie man für Abschreckung sorgt. Ich plädiere hiermit öffentlich dafür, dass man diese Strafe wieder einführt, und sie auch auf den Straftatbestand des mutwilligen Anfassens fremder Personen anwendet. Nee, jetzt mal Spaß beiseite! Aber ihr seht schon, dass es mich einfach tierisch wütend macht. Warum? Man müsste sich ja nicht darüber aufregen. Ich meine, alles ist in ein paar Sekunden vorbei und danach sieht man diese Leute aller Wahrscheinlichkeit nach eh nie wieder. Trotzdem stört es mich immens. Ein solches Verhalten ist im höchsten Maße distanzlos und damit derart respektlos, dass es mich echt verletzt. Es verletzt mich in meiner Würde als erwachsener Mensch. Ich bin doch kein Baby mehr und auch kein Hund, den man einfach mal streicheln kann. Ich bin mir sicher, dass diese Damen und Herren, die mir da ihre Streicheleinheiten verpassen, nichts Böses wollen. Sie denken gar nicht erst daran, wie unangebracht das ist, und dass es mich vielleicht stören könnte. Ich glaube, dass bei solchen Leuten ganz einfach irgendwas aushakt, wenn sie mich, bzw. einen Rollstuhlfahrer sehen. Vielleicht lässt ein optischer Reiz ein paar Schaltkreise in ihrer zentralen Prozessoreneinheit da oben durchbrennen. Nun habe ich ja bisher nur von mir, bzw. von Rollstuhlfahrern gesprochen. Hier soll aber nicht der Eindruck entstehen, dass es in Ordnung ist, Menschen mit geistigen, oder anderen körperlichen Einschränkungen ungefragt zu begrapschen, wenn einem danach ist. Alle Menschen haben ein grundsätzliches Recht auf Würde und Privatsphäre. Vielleicht sollte man den Artikel 1 des Grundgesetzes dahingehend etwas modifizieren. Zum Beispiel: "Die Würde des Menschen ist unantatschbar."
Ich mag mich hier an der Stelle nicht weiter darüber empören. Ihr solltet nur einmal erfahren, wie aberwitzig das Verhalten mancher Leute ist, die Menschen mit Behinderungen grundsätzlich wie Kleinkinder oder Haustiere behandeln. Und das Schlimmste ist, dass sie scheinbar der Meinung sind, sie tun uns damit etwas Gutes. So nach dem Motto: "Ach der Arme hat ja so ein schweres Schicksal, der tut mir so leid." Das ist totaler Quatsch. Ich zumindest akzeptiere mich so, wie ich bin und liebe mein Leben. Aber man kann dagegen anreden, wie man will. Diejenigen, die eine solch verdrehte Vorstellung haben, fühlen sich meistens keiner Schuld bewusst. Wenn man sie fragt, warum sie das tun, oder ihnen sagt, dass sie doch bitte damit aufhören sollen, gucken sie oft dumm aus der Wäsche und es bilden sich jede Menge Fragezeichen auf deren Stirn. Da weiß ich dann aber auch nicht mehr, wie man es ihnen noch begreiflich machen kann.

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